Auf der Suche nach der „besseren Hälfte“

von Martin Göhler

Die Herkunft des Ausdrucks „bessere Hälfte“ ist nicht eindeutig belegt. In der griechischen Mythologie liefert Platon mit der Geschichte der Kugelmenschen folgende Erklärung, die die Macht des Liebesgottes Eros beschreibt, die jedoch von den Menschen nicht entsprechend gewürdigt wird:

Dem Mythos zufolge hatten die Menschen ursprünglich kugelförmige Rümpfe mit jeweils vier Händen und Füßen, zwei Gesichtern mit je zwei Ohren auf einem Kopf, der von einem runden Hals getragen wurde. Kugelmenschen konnten sich schnell fortbewegen, aufrecht, rollend und hopsend. Sie waren übermütig und wollten sich mit den Göttern anlegen. Das ließ sich Zeus nicht gefallen und entschied mit den übrigen Göttern, die Kugelmenschen zu schwächen, indem sie in zwei Hälften zerschlagen wurden, die den heutigen zweibeinigen Menschen entsprachen. Die beiden Hälften litten sehr unter der Trennung, wurden träge und drohten zu verhungern. Um das zu verhindern kam Zeus auf die Idee, die Geschlechtsorgane nach vorne zu verlegen, um durch die Möglichkeit der sexuellen Vereinigung ihre Bedürfnisse zumindest zeitweise zu befriedigen und sich auf diese, bis heute erhaltene Weise fortzupflanzen. Trotzdem bleibt die Suche nach der verlorenen Hälfte und das Streben nach Ganzheit, welches sich als erotisches Begehren mit dem Ziel der sexuellen Vereinigung zeigt.

Die griechische Mythologie umfasst etliche Geschichten, die ganz unterschiedliche Erklärungen liefern. Wie sieht es mit dieser Geschichte aus?

Den Partner als Ergänzung zu betrachten, ein Paar als vollständige Einheit anzusehen ist verbreitet und die Beteiligten selbst sehen es häufig ebenso. Die sexuelle Vereinigung mit dem Streben nach Vollständigkeit zu verbinden ist auch nachvollziehbar.

Kritischer wird es, wenn man sich als Single unvollständig betrachtet und die Suche nach dem Lebenspartner zum Ziel hat, diese Unvollständigkeit auszugleichen. Mit einer solchen inneren Haltung wird die Partnersuche verkrampft. Die wenigsten haben weder Interesse, mit dem Eingehen einer Partnerschaft beim anderen einen Mangel auszugleichen, noch sind sie dazu in der Lage. Wer der Meinung ist, ein anderer Mensch sei dazu fähig, mit eigenen Minderwertigkeitsgefühlen aufzuräumen, wird enttäuscht werden. Denn unabhängig von der Person des Partners ist er nicht in der Lage, die eigene Meinung zu ändern oder Wertigkeit zu vermitteln.

Wer sich seines Wertes nicht bewusst ist und meint, für die eigene Vollständigkeit einen Partner zu brauchen, ist gut beraten, vor einer Partnerschaft mit einem solchen Bewusstsein aufzuräumen und sich bewusst zu werden, was und wer er ist und darstellt. In einer bestehenden Partnerschaft gilt Gleiches: jeder Partner hat seinen Wert und durch die Verbindung entsteht im günstigen Fall mehr als das Doppelte.

Dann heißt auch Partnerschaft nicht Halb und Halb ist Ganz, sondern 100 Prozent plus 100 Prozent gleich 200 Prozent, mindestens.

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